Ich habe oft darüber nachgedacht, warum wir uns manchmal selbst blockieren, obwohl wir jahrelang trainiert haben. Mir ist klar geworden: Das Verstehen kann lange dauern, weil du den Intellekt benutzt. Wir versuchen, alles mit Logik zu greifen – doch im entscheidenden Moment ist genau das unser größter Feind.
Die Weisheit des „Verrücktseins“
Ich erinnere mich oft an ein Zitat aus dem Zen, das mich tief bewegt: „Es gibt eine Weisheit, die man nur erlangt, wenn man verrückt wird und den Verstand loslässt.“
Das klingt im ersten Moment paradox, oder? Aber wenn ich es auf das Karate übertrage, ergibt es plötzlich Sinn. Im Kampf ist das bewusste, kontrollierte Abwehren ironischerweise ein Hindernis. Ich habe selbst erlebt, wie es die Reaktionsfähigkeit massiv verlangsamt.
Was passiert dabei eigentlich in uns?
Ich habe mir den Prozess genau angeschaut: Um abwehren zu können, brauchen wir einen Impuls – die bewusste Wahrnehmung, dass ein Angriff kommt. Diese Information gelangt ins Gehirn, das daraufhin einen Befehl an die Muskulatur schickt, die dann eine Abwehrtechnik ausführt.
Merkst du den Umweg?
Genau hier liegt das Hindernis. Dieser Prozess macht den Karateka langsam. Und er ist fehleranfällig: Der Angriff kann schneller sein als unser Gedanke. Er kann eine Finte sein, eine Serie oder eine Kombination, auf die unser Verstand gar nicht schnell genug reagieren kann.
Die Blockade unserer Instinkte
Was haben wir damit eigentlich verursacht? Ich denke, wir haben einen entscheidenden Fehler gemacht: Wir haben einen Instinkt eingeschränkt. Das tiefe Wissen, das wir nach Jahren gesammelter Erfahrung in uns tragen, haben wir durch krampfhaftes Denken blockiert. Wir stehen uns mit unserer Logik selbst im Weg.
Was nun? Der Weg des Loslassens
Mein Rat an mich selbst und an dich: Versuche nicht zu verstehen und denke nicht. Einfach loslassen.
Das Verrückte daran: Ein Angriff kommt und wir denken nicht an die Verteidigung. Wir handeln nicht im klassischen Sinne, sondern wir entspannen uns. In diesem Moment, in dem das Ego und der Planer in uns schweigen, geben wir unser Potenzial frei, damit es sich entfalten kann.
Der Karate-Meister Kenji Tokitsu schreibt in seinem Buch Ki and the Way of the Martial Arts treffend: „Es gibt kein Karate ohne Zen.“
Wie übt man das?
Nicht durch eine bestimmte Technik, sondern durch eine Art, zu trainieren. Im Jiyu Ippon Kumite zum Beispiel kannst du bewusst darauf verzichten, dir eine Antwort zurechtzulegen. Warte den Angriff ab ohne Plan, ohne Erwartung. Auch die Zeit vor und nach dem Training ist wichtig: Ein paar Minuten Mokuso, in denen du den Atem ruhig werden lässt, trainieren genau die Qualität, die im Kampf gebraucht wird. Es ist eine Übung, die man nicht „erreicht“, sondern über die Zeit kultiviert.
Nicht nur im Dōjō
Dieses Prinzip endet nicht mit dem Kiai am Ende des Trainings. Wer kennt es nicht: In einer wichtigen Prüfung, in einem schwierigen Gespräch oder bei einer Entscheidung unter Druck wird der Kopf plötzlich laut und gerade dann verlieren wir den Zugang zu dem, was wir eigentlich können. Das Karate schult genau diese Fähigkeit, im entscheidenden Moment ruhig zu bleiben und zu vertrauen. Das Dōjō ist nur der Übungsraum. Das Leben ist das eigentliche Feld.
Meine Meinung
In meinem Buch zur Selbstreflexion Woher weißt du, dass es wahr ist? sagt der Meister einen Satz, der mich bis heute begleitet: „Das Verstehen kann lange dauern, weil du den Intellekt benutzt. Wenn du loslässt und dich entspannst, wirst du ohne Verzögerung verstehen.“
Es geht nicht darum, das eigene Wissen zu vernachlässigen, sondern das wahre Wissen aus unserem Unterbewusstsein freizulassen – frei von Gedanken oder Absichten. Wenn wir den Mut haben, uns im Sinne des Zen „verrückt“ zu verhalten und unseren Verstand loszulassen, entsteht eine Klarheit, die weder Zeit noch Raum benötigt.
Es geht um eine Dimension, die uns viel mehr ermöglicht, als wir uns vorstellen können.
Quelle: Fiore Tartaglia











